Leben mit HIV und Aids heute

Wir dokumentieren im folgenden einen Text von Silke Eggers und Stefan Timmermanns von der Deutschen AIDS-Hilfe. Silke ist dort Referentin für soziale Sicherung und Pflege, Stefan ist Referent für Menschen mit HIV und Aids. Der Beitrag wurde unter dem Titel "'Normal' leben mit HIV und Aids" in einer gekürzten Fassung auch in der Zeitschrift Forum Sozialarbeit + Gesundheit veröffentlicht.

HIV und Aids ist ein Thema, dass sich in den letzten Jahren stark gewandelt hat. Vieles hat sich zum Positiven verändert, trotzdem kann die Krankheit nach wie vor sowohl aus medizinischer Sicht als auch bzgl. der sozialen Absicherung eines Menschen mit großen Schwierigkeiten verbunden. Die Bilder, die von der Krankheit in den Medien gezeichnet werden, spiegeln die Vielfalt dessen, was eine HIVInfektion oder Aids-Erkrankung für das Individuum bedeuten kann, nicht wider und vernachlässigen häufig die positiven Entwicklungen. Und dennoch: Ausgrenzung und Diskriminierung von Menschen mit HIV/Aids findet auch in unserer Gesellschaft immer noch statt.

Mittlerweile gilt die HIV-Infektion in den reicheren Ländern dieser Welt als behandelbare, wenn auch nicht heilbare chronische Krankheit. Wer sich heutzutage in Deutschland mit HIV infiziert, kann derzeit mit einer annähernd normalen Lebenserwartung rechnen. Ein positives Test-Ergebnis ist in den westlichen Industrienationen nicht mehr gleichzusetzen mit einem Todesurteil. Trotzdem muss man sich darauf einstellen, wahrscheinlich sein ganzes Leben lang ein- bis zweimal täglich Medikamente einzunehmen, wenn man erst einmal damit angefangen hat. Ende 2008 lebten in Deutschland ungefähr 63.500 Menschen mit dem HI-Virus. Die Zahl der Neuinfektionen im selben Jahr wird vom Robert-Koch-Institut auf ca. 3000 geschätzt.

Die Entwicklungen im medizinischen Bereich haben dazu geführt, dass das Leben mit dem Virus individuell ganz unterschiedlich aussehen und empfunden werden kann. Es existiert ein Nebeneinander verschiedenster Erfahrungen, die eine Verallgemeinerung dessen, was eine HIV-Infektion oder der Ausbruch der Krankheit Aids bedeutet, schwierig wenn nicht sogar unmöglich machen: Welcher sozialen Schicht gehört die betroffene Person an, wie sieht ihre Ernährungssituation aus, welche Vorerkrankungen hat sie gehabt, hat sie sich in jungen Jahren oder im Alter infiziert, hat sie Zugang zu Medikamenten und nimmt sie sie regelmäßig ein und nicht zuletzt: Lebt die Person in Afrika oder in Europa? All dies sind Fragen, deren Antworten Einfluss auf den Verlauf der Infektion und die Lebenserwartung haben.

In diesem Artikel wird der Schwerpunkt auf die Aspekte von HIV und Aids gelegt, die heute immer noch problematisch sind und für einen Teil der Menschen mit HIV und Aids nach wie vor großes persönliches Leid bedeuten. Für Beratende in Aidshilfen oder anderen Beratungsstellen stehen diese Themen oft im Mittelpunkt, da der überwiegende Teil ihrer Klienten davon betroffen sind. Das heißt andererseits, dass diese Betrachtungsweise eine große Zahl der HIV-Infizierten nicht widerspiegelt, die eben keine oder nur geringe Probleme mit ihrer Infektion haben und ihr Leben durchaus als glücklich oder zufrieden beschreiben würden. Wenn man sich dies vorher nicht ausdrücklich bewusst macht, kann beim Lesen des Artikels der falsche Eindruck entstehen, dass eine HIV-Infektion in Deutschland ausschließlich gleichzusetzen ist mit leidvollen Erfahrungen und der Bewältigung von Defiziten. Dem möchten wir als Autorin und Autor entgegen wirken. Unser Ziel ist es, einen realistischen Eindruck zu vermitteln ohne zu beschönigen oder zu dramatisieren.