“Schreibtischtäter” — Aids-Hilfe-Aktivist Rainer Schilling wird Rentner
Der berühmte Schreibtisch ist schon Geschichte. Jahrelang stapelte Rainer Schilling darauf Studien, Fachzeitschriften, Bücher und Broschüren, als hätte die Deutsche Aids-Hilfe kein Geld für Regale. Die Stapel wuchsen in die Höhe und wuchsen zusammen, bis der ganze große Schreibtisch ein einziger Ausgrabungsort wurde. Wenn Rainer Schilling etwas suchte, wirkte er immer etwas raschelig, wie das Papier, in dem er gerade wühlte, schien in der Tiefe aber ganz ruhig zu sein. Oder war es umgekehrt? Jedenfalls suchte Rainer Schilling meistens nicht lange. Er kannte sich aus in den Sedimentschichten seiner Aids-Hilfe-Arbeit. Nun ist die Geschäftsstelle umgezogen, aus der Kreuzberger Dieffenbachstraße in die Nachbarschaft des Willy-Brandt-Hauses. Rainer Schilling hat einen neuen Schreibtisch bekommen, blanko sozusagen.
Lange wird er dort nicht mehr sitzen. Er geht nächstes Jahr in Rente, ziemlich genau 25 Jahre nachdem die Aids-Hilfe ihre Arbeit aufnahm. 20 Jahre hat Rainer Schilling die Fäden der HIV-Prävention für schwule Männer in Deutschland in der Hand gehalten, hat Plakate ersonnen, Broschüren auf den Weg gebracht und mit Wirten von Sex-Kneipen über Gratis-Kondome diskutiert.
Rainer Schilling ist ein Urgestein der Schwulenbewegung und musste Anfang der 80er miterleben, wie die Schwulen plötzlich reihenweise am mysteriösen „Schwulenkrebs“ krepierten. Schwule wurden zur „Aids-Schleuder“ erklärt, und in Bayern – Rainer Schilling lebte damals in München – wollte CSU-Staatssekretär Peter Gauweiler „uneinsichtige Infizierte“ in Lagern absondern. Kaum hatten die Schwulen sich ein bisschen Freiheit erkämpft, stand alles wieder auf dem Spiel. Viele versuchten wieder, unauffälliger zu leben, und verzichteten aus Angst auf Sex, zumindest auf Analverkehr. Rainer Schillings klare Botschaft als Aids-Aktivist war hingegen: „Ihr könnt ficken, soviel ihr wollt, Hauptsache mit Kondom.“
Es war zu einem großen Teil das Verdienst von Menschen wie ihm, dass die deutsche Gesellschaft sich gegen Repression und für einen solidarischen Umgang mit HIV-Infizierten entschied. Und die Aktivisten machten sich nicht nur auf den Marsch durch die Institutionen – sie wurden selber eine. Die schwule Selbsthilfebewegung bekam Geld vom Staat, um HIV-Prävention zu betreiben, und so ist es bis heute.
Bevor Rainer Schilling 1987 als Schwulenreferent der Deutschen Aids-Hilfe in Berlin anfing, hat der studierte Germanist in der schwulen Welt vieles auf den Weg gebracht: Nach einem späten Coming-out mit 30 arbeitete er als Porno-Verkäufer ebenso wie als Chefredakteur der Zeitschrift Emanzipation. 1974 war er Mitbegründer des „ Vereins für sexuelle Gleichberechtigung“ (VSG) in München, 1980 organisierte er den ersten Münchener CSD mit. Er war Autor, Redakteur und Layouter der bis heute beliebten „von hinten“-Reiseführer für Schwule und gestaltete den Coming-out-Klassiker
„Schwul – na und?“.
Heute ist der Beinahe-Rentner noch lange nicht fertig mit der schwulen Welt. Wenn politische Fragen im Raume stehen, kommt er im besten Sinne aus der Ruhe. Dann spricht er schneller, etwas lauter und mit Nachdruck, mit einer Spur Verärgerung im Unterton. Zum Beispiel wenn er die „Verbürgerlichung“ der Szene beklagt. Steuerliche Nachteile bei der Homo-Ehe sind für ihn keines der dringenden Probleme unserer Zeit: „Damals ging uns das Geld am Arsch vorbei.“ Auch die Idee schwuler Altenheime findet der Vorkämpfer eher befremdlich: „Die Schwulen laufen den Auslaufmodellen der Heterogesellschaft hinterher.“
Seine alten Ziele aus Zeiten des Paragrafen 175 sind noch gültig: „Wir müssen die Verhältnisse so verändern, dass sich der einzelne Schwule verhalten kann, wie er will.“ Schilling meint das in einem umfassenden Sinne: „Es geht darum, Menschen nicht nach ihrer Verwertbarkeit zu beurteilen.“ Da klingt der marxistische Klassenkampf nach, mit dem die Bewegungsschwulen einst an den Start gingen. Die Diskriminierung von HIV-Positiven am Arbeitsplatz oder beim Abschluss von bestimmten Versicherungen treibt Schilling heute um und die allgemeine „Entsolidarisierung“ der Gesellschaft Kranken gegenüber. „Was nützt einem die beste Behandlung, wenn man nicht am Leben teilhaben kann?“
Sein Interesse an diesen Fragen wird nicht erlöschen, nur weil er in Rente geht. Er wird sich weiterhin zu Wort melden und vermutlich zu Hause Papiere stapeln. Und natürlich bleibt er im Herzen des schwulen Berlins, in seiner Wohnung am Nollendorfplatz, von wo er abends gerne mal in die Motzstraße aufbricht. „Ich werde nicht auf einmal gärtnern oder aufs Land ziehen“, sagt Rainer Schilling, „aber vielleicht werde ich häufiger kochen.“
Stefan Gilles, Holger Wicht
Mit freundlicher Genehmigung der Siegessäule, 11/2007
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